Ladelust vs. Ladefrust: Urlaubserlebnisse mit dem E-Auto in Südtirol #9vor9
Am Morgen schaue ich in Threads und was sehe ich? Einen Beitrag von Sören Götz auf Zeit online unter dem Titel „Nie wieder mit dem Elektroauto in den Urlaub“ (€). Götz hat bei seiner Fahrt nach und bei seinem Aufenthalt in Südtirol keine gute Erfahrungen bezüglich des Ladens seines E-Autos gemacht. Der Titel knallt, bleibt im Gedächtnis und passt in das aktuelle Bashing von Elektromobilität. Welch ein Zufall, dass unser Lars gerade auch mit dem E-Auto in Urlaub war. Und Ihr glaubt es kaum, wo war er? In Südtirol. Seine Erfahrungen waren zumindest entspannter.
https://youtube.com/live/lH-u5Yr-0Ik
Seine Fahrt verlief grundsätzlich gut, auch wenn sie etwas länger dauerte, was zum Teil durch Staus bedingt war. Ob die Reise mit einem Verbrenner schneller gewesen wäre, lasse sich schwer sagen. Die Ladeinfrastruktur auf der Hinfahrt sei insgesamt zufriedenstellend gewesen, jedoch erzeuge das ständige Suchen nach Ladestationen einen gefühlten Stress. Positiv sei, dass mittlerweile fast alle Raststätten an Autobahnen Lademöglichkeiten bieten, allerdings seien die Preise dort entsprechend hoch.
Ladestress: Ich erinnere mich noch an den gemeinsamen Ausflug 2017 mit Freunden an die Mosel, die gerade einen Tesla gekauft hatten. Da war doch manchmal der Anflug von Panik im Blick. Das muss nicht sein.
Ladelust oder Ladefrust in SüdtirolAn der Autobahn-Raststätte laden? Muss das sein?
In einer aktuellen Stichprobe hat der ADAC genau diese Ladeinfrastruktur an deutschen Autobahnraststätten untersucht und erhebliche Mängel festgestellt. Von 40 getesteten Anlagen boten drei gar keine Lademöglichkeiten, während 16 nur über Ladesäulen mit weniger als 150 Kilowatt Leistung verfügten. Lediglich vier Standorte ermöglichten das sogenannte High-Power-Charging mit über 300 Kilowatt, das eine deutlich schnellere Ladezeit erlaubt. Der ADAC die Infrastruktur als „verbesserungswürdig“ und forderte einen dringend notwendigen Ausbau, um den Anforderungen der Elektromobilität gerecht zu werden, eine Forderung, die auch Sören Götz in besagtem Artikel der Zeit trifft.
Die Antwort einiger Kommentatoren auf Threads, wo ich diese Aussagen publiziert habe: Wer lädt schon an Autobahnraststätten auf? „Man fährt von der Autobahn herunter zu einem Autohof oder einer anderen Ladestation. Das ist genau das, was auch Lars bei ihrer Rückfahrt schildert.“Interessant dass die relevante Ladeinfrastruktur eher außerhalb von Rastanlagen entsteht, und da gibt es heute eigentlich schon genug Angebot. Fährt man halt 5 Minuten von der Autobahn runter in ein Gewerbegebiet oder ähnliches“, meint Chris Buggisch dort.
Die Ladeinfrastruktur muss besser werden – besonders für die, die nicht daheim laden können
Jenseits aller oft unberechtigten Reichweitenangst bleibt wohl festzustellen, dass die Ladeinfrastruktur noch ein Problem darstellt und das nicht nur wegen der Zahl der Ladestationen und der Ladegeschwindigkeit. Einfache Bezahlung mit EC oder Kreditkarte statt vieler Kartensysteme von spezialisierten Anbietern oder die Möglichkeit, eine Ladesäule zu reservieren, sind nachvollziehbare Wünsche.
Lars sieht es locker, dass man bei Langstreckenfahrten eben Zeit für das Laden braucht und man sich diese Zeit auch nehmen kann – zumindest bei der hoffentlich entspannten Fahrt in den Urlaub. Weniger entspannt sind wahrscheinlich diejenigen, die ein E-Auto beruflich nutzen wollen und öfters auch längere Strecken fahren. Ob das der Grund ist, dass laut Daten von HUK-Coburg nun private E-Auto-Besitzer wieder zurück zum Verbrenner wechseln?
Stressfrei auf Kurz- und Mittelstrecke mit eigener Ladestation
Sicherlich ist auch wichtig, welche Strecken man typischerweise im Alltag zurücklegt. Lars beschreibt, dass seine Frau seit Juli einen gebrauchten Volkswagen ID.3 im Kurz- oder Mittelstreckenbereich stressfrei einsetzt und dass sie daheim laden kann. Hier sind wir bei einem entscheidenden Punkt: Hauseigentümer fahren nicht umsonst mehr E-Autos.
„Wenn E-Auto fahren nur für Menschen mit eigener Ladestation attraktiv ist, muss man sich nicht wundern, wenn die allermeisten beim Verbrenner bleiben. Dann bleibt E-Mobilität noch lange die Zukunft,“ schreibt Sören Götz und macht damit sicherlich einen Punkt. Losgelöst vom Thema Langstrecke muss die Ladeinfrastruktur komfortabler und einfacher zu nutzen sein, um E-Autos weiter in die Breite zu bringen.
Lars hat genau diese Möglichkeit, daheim seinen ID.3 mit Ökostrom zu laden. Ich habe mir wegen Eigenverbrauch und möglichst höherer Autarkie, aber auch um ein E-Auto zu „betanken“, das wir wahrscheinlich im Frühjahr anschaffen wollen, eine PV-Anlage auf dem Dach installieren lassen. Die Idee ist, dass meine Frau ab kommendem Frühjahr mit selbstproduziertem Strom nach Frankfurt zur Arbeit fährt und dass sich dadurch die Anlage und das E-Auto schneller rechnen.
PV-Anlage und E-Auto: Wir sind auf das Frühjahr gespannt
Des Reichweite ID.3 ist im Sommer, wenn es voll geladen war, so bei 430, 440 Kilometern ungefähr, sagt Lars in unserem Podcast. Jetzt im Oktober sei die Reichweite dann bei Vollaufladung so ungefähr 100 Kilometer weniger, also etwa 330 Kilometer. Das müsste für die Strecke nach Frankfurt und zurück dicke reichen.
Die Ki ideogram.ai erstellt durchaus Werbebilder für E-Autos – sogar von VWWie Lars denken auch wir nämlich an einen gebrauchten Stromer in der ID.3-Klasse, der derzeit immerhin noch zwischen 20.000 und 30.000 Euro kostet. Ein Wagen muss eh angeschafft werden. Und mit unseren Rahmenbedingungen scheint das E-Auto Sinn zu machen. Es wird nur spannend werden, zu welcher Tageszeit wir den Wagen wie hoch laden können, um ihn möglichst optimal nutzen zu können. Wie viel könne wir morgens noch laden? Welchen Beitrag kann die Batterie leisten? Es bleibt spannend. Richtig Spaß mache eine PV-Anlage, so meine ehemaligen Kollegen und Freunde Stephanie und Thomas, erst im Frühjahr, wenn maximale Erträge erzielt werden können. Dann sollte ja auch der Stromer bei uns am Start sein.
Es gibt sicher berechtigte Kritik am E-Auto, insbesondere an der Ladeinfrastruktur und den somit eingeschränkten Möglichkeiten für diejenigen, die keine eigene Ladestation haben. Das Thema Reichweitenangst scheint mir jedoch eher gewollt gepusht zu werden. Von Anfang an haben die etablierten Hersteller mit Lobbyarbeit versucht, das Unausweichliche zu verzögern – und einige politische Parteien machen nur zu gerne mit.
E-Auto – Nur was für Überzeugungstäter?
Doch natürlich gibt es Nachholbedarf – wie auch beim Thema PV-Anlage, Überlastungen und Schwankungen im Netz, bidirektionales Laden und Batteriespeicher. Wie sagt es Lars so schön bei #9vor9: „Ich glaube, was man schon sagen muss, man muss von E-Mobilität überzeugt sein, um es derzeit noch in Deutschland zu machen. Insofern muss man schon so ein bisschen als Überzeugungstäter dabei sein. Aber wie gesagt, diese Pauschalkritik und teilweise Panikmache kann ich nicht nachvollziehen.“ Ich mag das Wort Überzeugungstäter nicht, aber wir sind wohl beide mit unseren Familien dabei.
Wieder mal eine berüchtigte, spontane Entscheidung bei #9vor9: Diese Folge soll der Start unserer neuen Serie Ladelust zu den Themen Solarstrom, E-Auto, PV-Anlage und Energiewende bei #9vor9 sein. Wir sind jetzt ja beide selbst aktiv dabei, wollen unsere ersten persönlichen Erfahrungen teilen und hoffen, dass wir viele kompetente Gäste als Teilnehmer gewinnen können. Wir wollen dazu lernen und sind für Tipps dankbar. Auch für Themenvorschläge und Ideen für mögliche Gesprächspartner sind wir sehr dankbar.